Wie wird Geschichte erinnert und erzählt? – Ein Film über einen schwulen Zeitzeugen und jüdischen Widerstand
Gad Beck war wohl eine der schillerndsten und facettenreichsten Persönlichkeiten deutsch-jüdischer Zeitgeschichte.
Als homosexueller jüdischer Jugendlicher überlebte Gad Beck den Nationalsozialismus. Zu einem Schlüsselerlebnis geriet ihm die Deportation seines ebenfalls jüdischen Liebhabers Manfred Lewin. Die Familie Lewin überlebte den Holocaust nicht: Alle Familienmitglieder wurden in Auschwitz ermordet.
Als so genannter „jüdischer Mischling“ inhaftiert, erlebte Gad Beck die einzigartigen Ereignisse um das Sammellager Rosenstraße, wo tagelang hunderte Menschen erfolgreich für die Freiheit ihrer jüdischen Angehörigen demonstrierten. Nach seiner glücklichen Freilassung schloss Gad Beck sich seinen bereits untergetauchten Freunden des „Chug Chaluzi“ an. 1944 wurde er Leiter dieser illegalen zionistischen Jugendgruppe, die das Überleben zahlreicher JüdInnen in Berlin organisierte.
Die Kraft und Energie für sein Überleben und Engagement bezog Gad Beck aus seiner offen gelebten Homosexualität, die er trotz seines Alters mit Charme provokant und freizügig zu schildern wusste.
Der Film erzählt jedoch nicht nur das Leben des Gad Beck und die Geschichte des Chug Chaluzi, sondern wirft immer wieder die Frage auf, wie Geschichte erinnert, verarbeitet und erzählt wird – sei es von ihren ProtagonistInnen, sei es durch verschiedene gesellschaftliche Erinnerungsinstanzen. Aus diesem Grund werden die unterschiedlichen, zum Teil widersprüchlichen Erinnerungen der Zeitzeugen mit Ausschnitten aus Spielfilmen, Talkshows und Gedenkveranstaltungen kontrastiert. Es scheint, dass Gad Beck um der Pointierung seiner Geschichten willen gelegentlich den Boden historischer Wahrheit verlässt.
Er erfüllt damit vor allem ein Bedürfnis seiner Zuhörerschaft bzw. all jener Erinnerungsinstanzen, die, auf der Suche nach dem Dramatisch-Spektakulären, Geschichte auf besondere Weise erzählt bekommen wollen. Es wird deutlich, dass Geschichte nicht nur in einem Spielfilm wie „Die Rosenstraße“ (von Trotta, Deutschland 2003) oder in den Produktionen eines Steven Spielberg, sondern bereits in den Erinnerungen der Zeitzeugen selbst fiktionalisiert wird.
In einer solchen Situation erscheinen die klassischen Strategien der scheinbar authentischen dokumentarischen Erzählung als fragwürdig. Konfrontiert mit den historischen Widersprüchlichkeiten und den Erinnerungen Gad Becks entpuppt sich so auch ein unter anderem auf der Grundlage seiner Erzählungen entwickeltes „rein dokumentarisches Theaterstück“ als durchaus problematische Inszenierung eines zweifelhaften „So-war-es“.
Der Film dekonstruiert zwar die Erzählungen des Gad Beck und der angeschlossenen gesellschaftlichen Erinnerungsmaschinen, doch gleichzeitig nähert er sich auch dem „privaten“ Menschen Gad Beck, seinem Witz und Mut, seinen Eitelkeiten, seiner Offenheit und seinen tatsächlichen Verletzungen. Dem Film geht es um die Widersprüchlichkeit gelebten Lebens.
„Es ist die Wahrheit. Gad kann es ausschmücken,
aber es ist die Wahrheit."
— Miriam Rosenberg
Statement der Autoren
Für jemanden, der von den Nationalsozialisten bedroht und verfolgt wurde, bewahrte sich Gad Beck eine überraschend positive Sicht auf das Leben. Fast als habe er nach seiner heiklen Geburt beschlossen, das Leben in vollen Zügen zu genießen, komme, was wolle. Und wir wissen nur zu gut, was kam.
Wenn Gad über seine Jugend während des Nationalsozialismus sprach, setzte er nicht nur seine Themen, sondern behielt stets seine Zuversicht in die Menschen und das Leben.
Aber Gad verbarg auch mancherlei Verletzung, die ihm zugefügt wurde.
Während die Nazis alles taten, um das Leben eines Juden zur Hölle zu machen, berichtet Gad über Liebesabenteuer unterm Bombenhagel. Solche Geschichten klingen in unseren Ohren manchmal recht unwahrscheinlich. Vielleicht verdanken sie sich seiner Homosexualität und der Fähigkeit noch die unangenehmsten Situationen zu erotisieren. Aber vielleicht sind sie auch Ausdruck seiner späten Rache an den Nazis, einer Weigerung, seine Geschichte von anderen bestimmen, sich zu einem Opfer machen zu lassen – und sei es ein halbes Jahrhundert später durch wohlmeinende, aber ahnungslose Filmemacher wie uns.
Robin Cackett & Carsten Does
„Dort war ein Gebäude, dort mussten wir Brandschutzwache halten. Gott, war das schön. ... Hätte das Gebäude gebrannt, hätte es halt gebrannt. Es war nicht unser Haus. – Die Liebe hat gebrannt!